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Mit Gott- und Selbstvertrauen durch 90 Lebensjahre

Prackenbach, den 17.​11.​2025

Waldemar Schäfer aus Prackenbach erzählt, wie sein Glaube an Gott und seine eigenen Fähigkeiten ihn durch Krieg und Gefangenschaft, Liebe und Leben begleiteten

 

Prackenbach. „Dir wird ein ganzes Leben geschenkt – und nur du allein entscheidest, wie du es lebst!“ Die ruhige Botschaft der Worte schwebt durch das altmodisch eingerichtete Zimmer. Mit einem warmherzigen Lächeln lehnt sich Waldemar Schäfer auf seinem gepolsterten Stuhl zurück und legt die Hände auf den dunklen, mit einem gehäkelten Deckchen bedeckten Tisch. 90 Jahre lang hat der (mittlerweile schon viele Jahre) pensionierte evangelische Pfarrer aus Berlin nach diesem Grundsatz gelebt. Seinen Ruhestand verbringt er seit rund 30 Jahren in Prackenbach. Er erzählt aus seinem Leben. Von seiner von Krieg und Gefangenschaft geprägten Kindheit und seiner Lebensaufgabe, der Jugendarbeit. Vom Finden der Liebe seines Lebens und deren Verlust. Und, wie über allem stets sein Glaube und sein Vertrauen in das Leben stand.

 

Küstrin Neustadt, 10. März 1935. Waldemar Schäfer erblickt im elterlichen Haus das Licht der Welt. Die Stadt östlich von Berlin gehört seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen. Hier verbringt der kleine Junge den ersten Teil seiner Kindheit. Die ändert sich jäh, als der Vater eingezogen wird. „´Jetzt bist du der Mann, jetzt musst du auf die Mama aufpassen!´, das sagte er zu mir.“ Der sympathische, mittelgroße Senior fährt sich durch die weißen Haare, atmet tief ein und blickt nachdenklich. Man scheint seine Gedanken kreisen zu sehen. Um alles, was er im letzten Jahrhundert erlebt hat – erleben musste und durfte. „Unterbrich mich bitte, wenn ich zu viel rede!“, unterbricht er sich selbst immer wieder (in trotz der vielen Jahre bayerischen Einflusses makellosem Hochdeutsch, „das lerne ich einfach nicht mehr…“). Er lächelt entschuldigend. „Wir wollen uns ja auf den Glauben konzentrieren!“ Doch der Glaube hängt unmittelbar mit der Lebensgeschichte zusammen, sind wir uns einig. Und damit auch mit den Kriegs-, Flucht- und Gefangenschaftserlebnissen.

 

Seine Mutter schenkte ihm Vertrauen in sich und das Leben

 

Die Erzählungen aus der Kindheit scheinen zunächst unbeschwert, „alles wie ein Abenteuer!“ Von Umherstreunen mit Freunden in den Straßen der Stadt, Mutproben, bei denen Straßenbahnen ausgewichen werden musste – „im Nachhinein völlig bekloppt“ – berichtet er redselig und grinst, als er sich an immer neue Anekdoten erinnert.

 

Was Waldemar Schäfer immer wieder hervorhebt, ist die Einstellung seiner Mutter, die sein ganzes Leben geprägt hat: vertrauensvoll, locker, wissend um die Fähigkeiten ihres Sohnes. „Sie war einfach wunderbar. ´Junge, lass dich einfach nicht erwischen!´, sagte sie immer zu mir.“ Ein Lächeln huscht über das von 90 Jahren gezeichnete Gesicht.

 

Entscheidungen darf er stets selbst treffen, soll selbst überlegen und den für ihn richtigen Weg finden. Auch im Glauben. Großvater und Mutter sind während des Krieges die wichtigsten Bezugspersonen, der Großvater ein „Laienprediger“. „Waldemar, du musst mal Pfarrer werden!“, habe er zu dem Jungen gesagt, viele Gespräche über Gott und den Glauben mit ihm geführt. „Er sagte oft: ´Ihr müsst für das, was ihr tut, Verantwortung übernehmen. Wenn ihr Mist macht, bringt es wieder in Ordnung!´ Wir machten viel Schmarrn, trotz des Krieges hatten wir eine wundervolle Jugendzeit!“ Der alte Mann lacht erst, wird still. Alles wird binnen Momenten anders.

 

„Dann hieß es: Die Russen kommen! Alle Zivilisten raus, nehmt so viel mit wie ihr könnt!“ Küstrin ist eingekesselt. Die Dringlichkeit der Situation ist dem Kind nicht bewusst, „alles wie ein Abenteuer.“ Mit dem Leiterwagen flieht die Mutter mit ihm und seinem Bruder, bald geraten sie in russische Gefangenschaft. Waldemar erzählt mit tränenfeuchten Augen von Erlebnissen. Erlebnissen, die niemand machen sollte. Gefangenenmarsch, Tiefflieger, die auf die begleitenden Jeeps schießen, Tote, die einfach liegen gelassen werden. Das sind die harmlosesten seiner Erinnerungen. Andere sind zu verstörend, als dass sie niedergeschrieben werden sollten.

 

Als Junge rettete er der Gefangenengruppe das Leben

 

„Meine Mutter erzählte mir oft, dass ich alle gerettet hätte, das weiß ich nur noch verschwommen.“ Als der Gefangenenzug aus Frauen, Kindern und alten Leuten in einer Reihe aufgestellt wird und in die Mündung eines Gewehres blickt, tritt der Zehnjährige vor, schaut dem russischen Offizier in die Augen und sagt: „Onkel Soldat, dann schieß endlich!“ Momente vergehen. Der Offizier dreht sich um, geht davon. Erdrückende Stille im Jetzt. Sie füllt den gemütlich eingerichteten Raum mit den weißen Spitzengardinen. Abenteuerdurst und Gottvertrauen begleiten Waldemar scheinbar durch sein ganzes Leben.

 

Als der Vater die Familie nach dem Krieg auf einem Bauernhof am Niederrhein wieder findet, beginnt ein weiterer Lebensabschnitt. Waldemar, der bis dahin das Gymnasium besucht, soll in dessen Fußstapfen treten und Schneidermeister werden. Gegen seinen Willen. „Das war wie ein Gefängnis.“ Die Mutter unterstützt den Sohn: „Mach das, was du gerne möchtest!“ Für Waldemar ist klar: „Ich mache nur die Lehre, dann will ich mit jungen Menschen arbeiten.“ Mit 14 leitete er bereits eine Jugendgruppe aus Zehnjährigen, er weiß, das ist seine Leidenschaft. Vom Vater erhält er keinerlei Unterstützung, erarbeitet sich selbst etwas Geld, um an einer privaten Jugendleiterschule aufgenommen zu werden.

 

Die Mauer trennte das Ehepaar: In Nacht- und Nebelaktion wieder vereint

 

Eine schicksalhafte Begegnung macht er bei einem (nur halblegalen) Treffen von Jugendgruppen aus West- und Ostberlin: Er lernt seine Frau kennen. Als er sie nach Hause begleitet, steht noch am selben Tag fest: Marianne wartet bis nach dem Studium auf ihn. Waldemars Augen glitzern, als er erzählt, wie seine Freunde alle auf die tolle Stelle in Berlin verzichten, damit er diese antreten kann, bei seiner Marianne. Zwei Jahre später ist Hochzeit, zwei Kinder folgen. Waldemar ist glücklich mit seiner Arbeit in Berlin Friedenau. Doch ein weiteres Hindernis prägt den Lebensweg: Als er mit seiner Gruppe in einer Jugendfreizeit in der Oberpfalz ist, seine Frau zu Besuch bei ihren Eltern in Ostberlin, wird die Mauer gebaut. Und trennt das Paar. Wieder gibt Waldemar nicht auf, vertraut auf eine Lösung. In einer Nacht- und Nebelaktion mit falschem Pass holt er Marianne über die Grenze. Gemeinsam meistern sie auch die folgende Zeit im Auffanglager mit Status Flüchtling, Verdacht auf Spionage. „Zusammen schaffen wir das, sagten wir uns immer!“ 

 

Zeitgleich steht ein weiterer Einschnitt an: Seine Vorgesetzten beim CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen) rufen ihn zum Gespräch und werfen ihm vor, „Gott ins Handwerk gepfuscht zu haben“, weil die organisierte Flucht seiner Frau illegal gewesen sei. „Es hat geklappt, also ist Gott auf unserer Seite!“, sei seine schnippische Antwort gewesen. Zusammen mit der fristlosen Kündigung seinerseits. 

 

Nach kurzem Schock über die Arbeitslosigkeit tut sich ein neuer Weg auf, wie Waldemar berichtet. Zufällig ist eine Jugenddiakonstelle frei, kurz darauf wird er für eine Pfarrerstelle vorgeschlagen. Er nimmt an, studiert zwei Jahre nebenberuflich und wird bald zum Geschäftsführer der Kirchengemeinde „Zum Guten Hirten“ in Berlin-Friedenau gewählt. Der Pfarrer verschreibt sich neben vielen anderen Aufgaben weiterhin in großem Ausmaß der Jugendarbeit, will seinen Glauben und seine lebensbejahende Einstellung an die nächste Generation weitergeben. Er ist mit den sogenannten „Jungenschaften“ unterwegs in verschiedenen europäischen Ländern, oft in Skandinavien, auch oft im Bayerwald.

 

Der Bayerwald: Erst Ziel mit Jugendgruppen, dann Heimat

 

Den lernt er lieben. Durch vielmalige Zeltlager am Regen bei Lehen schließt er Freundschaften. Er kauft ein Haus in Prackenbach, saniert es gemeinsam mit seiner Familie und verbringt dort viele Urlaube, seit 1994 seinen Ruhestand. Der aktive Senior sucht rund um die Uhr nach Aufgaben, Unternehmungen. Er schreibt mehrere Bücher. Ein schwerer Schicksalsschlag prüft ihn 2020 bereits die Jahre zuvor sind schwer für ihn. Er pflegt seine geliebte Frau. Die weiß ihn stets zu schätzen, lobt ihn als „lieben Menschen“, doch erkennt ihn teilweise nicht mehr. Die Beerdigung ist in der Pandemie-Hochzeit. Damit Freunde und weitere Verwandte Abschied nehmen können, gestaltet er ein Buch über die Liebe seines Lebens.

 

Halt geben ihm auch seine Freunde in der Nachbarschaft, in der sich der „Preuße“, wie er selbst sagt, fest integriert hat. Dass er nicht mehr predigen kann, bedauert er sehr. Wegen einer Einschränkung im Bereich der Augen, ist das Leben für ihn in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Dennoch stärkt ihn sein Glaube, „mit Gott rede ich wie mit einem guten Freund.“ Ein strikter Kirchgänger sei er noch nie gewesen, lieber gemeinsam beten, singen und musizieren – gerne am Lagerfeuer. Lächelnd legt er in Gedanken seine Hände in den Schoß. In 90 Jahren hat er viel erlebt, viel angeregt. Er ist überzeugt, dass auch jetzt noch eine Aufgabe vorgesehen ist für ihn in der Welt.

 

Fotos: Lisa Brem

 

Dieser Bericht wurde von der Journalistin Lisa Brem verfasst und für unsere Homepage zur Verfügung gestellt

 

Bild zur Meldung: Waldemar Schäfer blickt in einem Gespräch auf sein Leben zurück, das seit jeher geprägt ist von dem Glauben an Gott und auch an sich selbst.

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